
Stolpersteine in Ahnatal erinnern an sechs Menschen.
Mehr als 200 Menschen aus Ahnatal kamen am 7. September zusammen, um erstmals in der Gemeinde Stolpersteine zu verlegen und an sechs Menschen zu erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Die sechs Steine in der Wilhelmsthaler Straße erinnern an Mitglieder der jüdischen Familien Alexander und Loewenstein, die einst in Ahnatal-Weimar lebten.

Den Anstoß für die Verlegung gab die langjährige Recherche des Ahnatalers Klaus Brocke. Er hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den Lebensgeschichten jüdischer Familien aus Ahnatal beschäftigt. Ausgehend von alten Unterlagen aus dem früheren Rathaus führte ihn seine Recherche unter anderem zu den Arolsen Archives und zu Dokumenten über Entschädigungsverfahren und Zwangsversteigerungen aus der NS-Zeit. Dabei gelang es ihm auch, Kontakt zu Nachkommen der Familien herzustellen. Zur Gedenkveranstaltung kam deshalb auch Peter Loewenstein, der Sohn von Bernhard und Irmgard Loewenstein, aus Nottingham nach Ahnatal.
Die sechs Stolpersteine erinnern an Hugo und Viola Alexander sowie ihre Kinder Hertha und Helmuth und an Bernhard und Irmgard Loewenstein. Die Familien waren der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt. Hugo Alexander wurde bereits 1933 von der SA verhaftet und schwer misshandelt. Andere Familienmitglieder flohen zunächst ins Ausland. Für Hugo, Viola, Hertha und Helmuth Alexander gab es jedoch kein Entkommen. Sie wurden nach der deutschen Besetzung der Niederlande verhaftet und deportiert. Hugo Alexander wurde in Auschwitz ermordet, Viola starb im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Helmuth überlebte die Lagerhaft, starb jedoch wenige Tage nach seiner Befreiung im April 1945. Hertha überlebte als einzige der Familie Alexander die NS-Verfolgung.

Auch Offen für Vielfalt e.V. war bei der Gedenkveranstaltung vertreten. Die Leiterin der Geschäftsstelle, Johanna Kindler, hielt ein Grußwort und stellte darin die Bedeutung der Stolpersteine für die Erinnerungskultur und für das demokratische Zusammenleben heraus.
„Wenn wir heute einen Stolperstein verlegen, dann erinnern wir an einen Menschen. An ein Leben, eine Geschichte. Und an das Unrecht, das Menschen widerfahren ist“, sagte Kindler zu Beginn ihres Grußworts. Sie berichtete, dass sie sich angewöhnt habe, die Namen auf Stolpersteinen zu lesen und sich zu fragen, wie die Menschen gelebt haben und wie alt sie geworden sind. Auch der Name Bertha Katz, die in der Straße des Demokratie-Ladens von Offen für Vielfalt gelebt hat, sei ihr dadurch besonders präsent.
Stolpersteine sind kleine Mahnungen im Alltag
Stolpersteine sind kleine Mahnungen im Alltag. Sie erinnern daran, was passieren könne, wenn Ausgrenzung zur Normalität werde und Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Haltung oder ihrer Identität zu „anderen“ gemacht würden. „Wenn wir zulassen, dass gesagt wird, manche Menschen seien weniger wert“, so Kindler, „dann müssen wir uns daran erinnern, wohin solche Ausgrenzung führen kann.“
Aus der Geschichte lasse sich eine klare Aufgabe für die Gegenwart ableiten: demokratische Werte nicht nur auf dem Papier zu vertreten, sondern sie im Alltag zu leben.
Die Stolpersteine in Ahnatal erinnern damit nicht nur an die Menschen, deren Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde. Sie stellen zugleich die Frage, wie wir heute miteinander umgehen und welchen Beitrag jede und jeder Einzelne für eine offene und demokratische Gesellschaft leisten kann.
Im Anschluss an die Stolpersteinverlegung kamen die Gäste in der Kirche zusammen um dem Vortrag von Pete Loewenstein zu beizuwohnen. Der Nachfahre der Familie Loewenstein reist mit Familienangehörigen nach Ahnatal um einen Vortrag über die Biografien zu halten. Diesen Vortrag beendete er mir diesen eindringlichen Worten:
“ Wir müssen uns aktiv gegen die rassistische und faschistische Politik und das Handeln von Parteien, Regierungen, prominenten Persönlichkeiten und ihren Unterstützern überall stellen – in Europa, einschließlich Deutschland, Russland und Großbritannien; in den USA; in Indien; und in Israel und Palästina. Wir dürfen die Geschehnisse der NS-Zeit niemals vergessen, doch wir müssen uns auch heute, jetzt, entschlossen gegen jegliche Form von rassistischer und religiöser Unterdrückung, einschließlich Antisemitismus und Islamophobie, einsetzen – wo immer sie existiert: in unseren Familien, Freundeskreisen, Gemeinschaften und Ländern.
Wie Edmund Burke sagte und andere es sinngemäß wiedergaben: „Das Einzige, was für den Triumph des Bösen nötig ist, ist, dass gute Menschen nichts tun.“ In diesem Geiste des Kampfes für Frieden, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit haben wir heute die Stolpersteine für Viola, Hugo und Helmuth Alexander, für Herta Jacobi sowie für Bernhard und Irmgard Loewenstein verlegt.“ (Pete Loewenstein 2026)




