
Hausbesuche bei der Demokratie: Jury besucht Preisträger
Rückenwind für die Demokratie! Das ist der Gedanke hinter unserem jährlichen Wettbewerb „Demokratie-Verstärker*innen“. Acht Projekte haben wir in diesem Frühjahr in Nordhessen ausgezeichnet, die sich mit großem Engagement für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen. Wir haben die ersten beiden Preisträger*innen der Kategorie „Demokratie, demokratische Werte und gegen Extremismus“ jetzt vor Ort besucht und uns über Engagement und Projektstand persönlich informiert. Mit dabei: Die beiden Jurymitglieder Kathrin Kaiser und Daniel Bettermann.
Was haben Immobilien und Demokratie gemeinsam?
Der erste Besuch führt uns an einen Ort, der deutlich macht, dass gesellschaftliche Verantwortung verschiedene Dimensionen hat, die zusammenhängen können: Wer durch die Fahrradstraße am Königstor fährt, nimmt zunächst ein imposantes, denkmalgeschütztes Gebäude wahr. Seine Fassade vermittelt den Eindruck eines Hauses, das die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nahezu unbeschadet überstanden hat. Doch hinter den Mauern verbirgt sich weit mehr als ein leerstehendes Gebäude.
Das ehemalige Polizeipräsidium am Königstor war während der Zeit des Nationalsozialismus Sitz der Kasseler Gestapo. Die bis heute erhaltenen Gefängniszellen dienten als Haftort für zahlreiche Opfer des NS-Regimes. Menschen wurden hier gefoltert, ermordet oder von hier aus in Konzentrationslager deportiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude zunächst ohne umfassende historische Aufarbeitung weiter als Polizeipräsidium genutzt – bis 1999 der Umzug anstand. Zurück blick ein leerstehendes Gebäude das in den folgenden 25 Jahren nur provisorisch genutzt worden ist.
Vor Ort begrüßen uns die Mitglieder der Initiative Gedenkort Polizeipräsidium Königstor e.V. Der Verein setzt sich dafür ein, das Gebäude in einen lebendigen Gedenk- und Lernort zu verwandeln. Ziel ist es, die Geschichte des Hauses sichtbar zu machen, den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken und gleichzeitig Raum für bezahlbares Wohnen, zivilgesellschaftliches Engagement und Kunst zu schaffen.
Beim Rundgang durch die leerstehenden Etagen wird das enorme Potenzial des Gebäudes sichtbar: Hier könnten künftig bis zu 80 Wohnungen für Einpersonenhaushalte im historischen Polizeipräsidium entstehen. Wenige Schritte später im Nebengebäude steht man in einer der kaum drei Quadratmeter großen Gefängniszellen – und spürt unmittelbar die Verantwortung, die mit diesem historischen Ort verbunden ist. Zwischen Zukunft und Vergangenheit entsteht ein Spannungsfeld, das die Bedeutung des Projekts eindrucksvoll aufzeigt.
Das ehemalige Polizeipräsidium ist weit mehr als eine Immobilie. Es ist ein Ort des Erinnerns, des Lernens und der demokratischen Verantwortung. Genau deshalb braucht seine Zukunft mehr als gute Ideen und ehrenamtliches Engagement. Sie braucht politische Entschlossenheit und eine verlässliche finanzielle Perspektive. Es braucht eine Landesregierung, die das Potenzial dieses besonderen Ortes erkennt und bereit ist, in seine Zukunft zu investieren. Und es braucht eine Stadt, die den Mut hat, eine solche Nutzung aktiv zu unterstützen und mitzugestalten. Es braucht Ideen, Mut und einen Plan. Stadtentwicklung statt Wegschauen.
Mindestens ebenso beeindruckend wie das Gebäude selbst sind die Menschen, die sich seit Jahren mit großem ehrenamtlichem Einsatz für dessen Zukunft engagieren. Schon heute bieten die Mitglieder der Initiative regelmäßig Führungen an und erläutern die Geschichte des Hauses für Besucherinnen und Besucher. Ihr Engagement zeigt eindrucksvoll: Demokratie lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen – und von Orten, die ihre Geschichte bewahren und zugleich Raum für Zukunft schaffen. Mehr Informationen gibt es hier.
Wesertal: Mit Neo-Nazis im Nacken
Nach rund fünfzig Minuten mit dem Demokratie-Mobil erreichen wir die zweite Station unseres Besuches bei den Demokratie-Verstärker*innen. Am Mühlenplatz 7 in Wesertal begrüßen uns die Mitglieder deses Haus der Demokratie e.V.
Der Mühlenplatz 7 ist ein demokratiepolitisch hochsensibler Ort. Der Landkreis Kassel erwarb das Gebäude im Rahmen eines Verhinderungskaufs, um zu vermeiden, dass es in die Hände rechtsextremer Akteure gelangt. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich bereits eine sogenannte „Wohn- und Weiterbildungsstätte“, die von einem namhaften Rechtsextremisten betrieben wird und als Treffpunkt für rechtsextreme Parteien sowie Akteure aus dem Reichsbürger- und Verschwörungsmilieu dient.
Auch in Wesertal wird deutlich, wie eng Immobilien und ihre Nutzung mit einer lebendigen Demokratie verbunden sind. In einem intensiven Beteiligungsprozess mit den Menschen vor Ort entstand die Idee, das Haus zu einem offenen Begegnungs-, Bildungs- und Kulturort für die Gemeinde zu entwickeln. Ein Ort, der Nachbarinnen und Nachbarn zusammenbringt und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.
Heute treffen sich hier Vereine, junge Väter und Mütter nutzen den Bewegungsraum und eine kleine Bibliothek stellt Bücher zum Thema Demokratie und Vielfalt zur Verfügung. Mehrmals im Jahr trifft sich das Reparier-Café zum Basteln und Handwerken.
Aus dem erfolgreichen Einsatz gegen die Entstehung eines rechtsextremen Schulungsortes wächst so Schritt für Schritt ein Haus der Begegnung – ein Ort, an dem Demokratie nicht nur diskutiert, sondern ganz konkret gelebt wird.







