
Man muss für Werte eintreten – Gedenken an Dr. Walter Lübcke am 2. Juni in Kassel
Mehr als 100 Menschen erinnern in Kassel an Walter Lübcke
Als die Osanna-Glocke der Martinskirche am Dienstag um 15 Uhr ertönt, wird es still auf dem Martinsplatz vor der Martinskirche: Die schwere Glocke läutet in Kassel für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Demokratie und inneren Frieden. Mehr als 100 Menschen nehmen im Anschluss an die Gedenkveranstaltung für den am 2. Juni 2019 ermordeten Regierungspräsidenten Walter Lübcke teil. Darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und der Kirchen.
Gemeinsam hatten die hessische Demokratie-Initiative Offen für Vielfalt e.V., die Evangelische Kirche in Kassel sowie das Katholische Dekanat Kassel-Hofgeismar zu dem Gedenken eingeladen. Mit dem jährlichen Gedenken an sein Wirken als Demokrat und Regierungspräsident wollen die Initiatoren ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen. Als Rednerin konnten sie in diesem Jahr die langjährige stellevertretenden Landtagspräsidentin und Vorsitzende der NSU-Untersuchungsausschüsse in Thüringen, Dorothea Marx, gewinnen.
Walter Lübcke wurde wegen seiner Haltung und seines Engagements für Geflüchtete am 2. Juni 2019 bei einem rechtsextremistischen Anschlag ermordet. Dem Mord an Walter Lübcke gingen über Jahre hinweg intensive Anfeindungen und Hetzkampagnen im Internet voraus.
Hintergrund zur Tat im Jahr 2015
Ausgangspunkt war ein Video einer Veranstaltung im hessischen Lohfelden aus dem Jahr 2015, das innerhalb der rechtsextremen Szene verbreitet wurde, um Hetze gegen den damaligen Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke zu verbreiten. In seiner Funktion als Regierungspräsident war Lübcke 2015 unter anderem für die Unterbringung von Geflüchteten in Hessen zuständig. In Lohfelden sollte eine Erstaufnahmeeinrichtung entstehen. Bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung mit ca. 800 Teilnehmenden beantwortete Lübcke Fragen aus der Bevölkerung. Vor Ort nahmen auch Akteure der rechten Szene teil und sorgten für eine aggressiv aufgeladene Stimmung.
In der Auseinandersetzung sagte Dr. Walter Lübcke den Satz, der seinen Mörder zur Tat motiviert haben soll: „Wenn wir vermitteln wollen, dass es sich lohnt, in unserem Land zu leben, dann muss man auch für Werte eintreten. Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen“, so Lübcke. Seine Aussagen wurden gefilmt und anschließend im digitalen Raum verbreitet. Daraufhin erhielt der Regierungspräsident Morddrohungen. Bis heute ist das Video abrufbar und hat mehrere hunderttausend Aufrufe. Darunter befinden sich auch Kommentare, die den Mord verharmlosen.
Kundgebung und Gedenken in Erinnerung an Dr. Walter Lübcke
Der Mord an Dr. Walter Lübcke im Jahr 2019 hat Deutschland erschüttert. Im selben Jahr versammelten sich mehr als zehntausend Menschen vor dem Regierungspräsidium, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. Seitdem wird des ehemaligen Regierungspräsidenten an vielen Orten gedacht. Gebäude, Brücken, Plätze sowie die Gesamtschule in Wolfhagen tragen heute den Namen Dr. Walter Lübckes. Darüber hinaus wird durch engagierte Demokratinnen und Demokraten in Kassel ein jährliches Gedenken an den ehemaligen Regierungspräsidenten ermöglicht.
Am Regierungspräsidium befindet sich inzwischen das Kunstwerk „86° WALTER HALİT“. Die fünf Meter langen und 2,5 Meter hohen Leuchtkästen erinnern an die beiden Opfer rechtsextremer Mordanschläge im Raum Kassel.
In diesem Jahr hatten die Demokratie-Initiative Offen für Vielfalt e.V., die Evangelische Kirche in Kassel sowie das Katholische Dekanat Kassel-Hofgeismar zum Gedenken an die Martinskirche in Kassel eingeladen, mit der Landtagsabgeordneten Dorothea Marx aus Thüringen als Rednerin. Die ehemalige Vizepräsidentin des Thüringer Landtags sowie Vorsitzende der Thüringer Untersuchungsausschüsse rief zu Entschlossenheit und Mut im Einsatz für die Demokratie auf. „Die von Walter Lübcke vertretene Mitmenschlichkeit ist nicht abwählbar. Sie bleibt Grundlage für ein sinnerfülltes Leben“, so Marx.
Love Letter statt Hate Speech
Im Anschluss an die Veranstaltung hatte Offen für Vielfalt e.V. zu einer Aktion eingeladen, bei der ein Dankeschön ausgesprochen werden konnte. Gäste hatten vor Ort die Möglichkeit, Dankesbriefe an Menschen in Nordhessen zu schreiben, die sich für Demokratie und Vielfalt engagieren.
„Das Ehrenamt hält dieses Land am Laufen – ob im Sport, in der Kinder- und Jugendhilfe oder beim Einsatz in Bündnissen und Initiativen für Demokratie und Vielfalt. Jedes Engagement verdient großen Dank. Das kommt oftmals zu kurz, und das möchten wir mit Aktion wie dieser ändern“, erklärt Johanna Kindler für Offen für Vielfalt e.V.
Entschlossenes Handeln im Umgang mit Rechtsextremismus
Nach Recherchen der Redaktion der Hessenschau besitzen 115 erwiesene Rechtsextremisten in Hessen ganz legal eine Waffe. Eine Zahl, die bei engagierten Demokratinnen und Demokraten große Besorgnis auslösen muss. Denn als Gesellschaft wissen wir längst, welche Folgen Waffen in den Händen von Extremisten haben können. Die Morde an Halit Yozgat und Dr. Walter Lübcke haben dies auf erschütternde Weise deutlich gemacht.
Die hessische Demokratie-Initiative Offen für Vielfalt e.V. bekräftigte deshalb erneut die Forderung, dass Hessen eine Vorreiterrolle dabei übernehmen muss, Rechtsextremisten konsequent zu entwaffnen. Bürokratische Hürden und langwierige Verfahren müssen dafür endlich überwunden werden.
Auch in Berlin findet ein Gedenken statt
Auch in Berlin wird Dr. Walter Lübcke gedacht. Das Zentrum für politische Schönheit lädt dazu ein, Blumen am Walter-Lübcke-Memorial in Berlin niederzulegen und ein Zeichen für die Demokratie und ein friedliches und tolerantes Miteinander zu setzen.





