Veröffentlicht am 4. Mai 2026

Die angespannte Mitte – Vorstellung der Mitte-Studie in Kassel

Allgemein

Auf Einladung von Offen für Vielfalt e.V., der Friedrich-Ebert-Stiftung Hessen und der Universität Kassel kamen Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um über die aktuellen Ergebnisse der sogenannten „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zu diskutieren. Die Studie erscheint seit 2006 im zweijährigen Rhythmus und untersucht die Verbreitung, Entwicklung und Hintergründe rechtsextremer, menschenfeindlicher und antidemokratischer Einstellungen in Deutschland. Die aktuelle Ausgabe richtet den Blick insbesondere auf die zunehmende Normalisierung rechtsextremer Positionen vor dem Hintergrund globaler Krisen und gesellschaftlicher Verunsicherungen.

Die jüngste Studie liefert dabei bemerkenswerte und zugleich ambivalente Ergebnisse. Einerseits zeigt sie, dass der Anteil der Menschen mit einem rechtsextremistischen Weltbild von acht Prozent im Jahr 2023 auf drei Prozent gesunken ist. Andererseits macht die Untersuchung deutlich, dass antidemokratische und menschenfeindliche Aussagen in Teilen der gesellschaftlichen Mitte zunehmend Akzeptanz finden. Gleichzeitig äußert die Mehrheit der Menschen in Deutschland große Sorgen über den wachsenden Rechtsextremismus und bekennt sich klar zu demokratischen Werten.

Im Rahmen der Veranstaltung wurden diese Entwicklungen gemeinsam eingeordnet und diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie Demokratie gestärkt und gesellschaftlicher Zusammenhalt gefördert werden kann, um extremistischen und menschenfeindlichen Tendenzen nachhaltig entgegenzuwirken.

Fünf Erkenntnisse:

1. Nur wenige AfD-Wähler sind rechtsextremistisch:
Laut Neu, die mitverantwortlich für die Studie ist, haben nur elf Prozent der AfD-Wähler ein gesichertes rechtsextremistisches Weltbild. Vor allem Fremdenfeindlichkeit und Nationalchauvinismus sind für Neu Treiber. 70 Prozent der Deutschen finden es bedrohlich, dass der Rechtsextremismus zunimmt – darunter auch Wähler der extrem rechten AfD. Eine Entwarnung stellen die Ergebnisse nicht dar. „Das rechtsextremistische Weltbild ist rückläufig, aber der Graubereich verfestigt sich“, sagt Neu. Darum heißt die Studie „Die angespannte Mitte“.

2. Die AfD-Wähler sind schlechter drauf:
52 Prozent der Deutschen finden, die Demokratie funktioniere im Großen und Ganzen ganz gut. Das ist ein deutlicher Rückgang zu den Vorjahren. Besonders kritisch sind die AfD-Wähler, wie Neu feststellt: „Sie sehen die Welt in jeder Hinsicht dunkler und glauben, die Welt habe sich gegen sie verschworen.“ Anders ausgedrückt: „Sie sind im Vergleich zu anderen einfach schlechter drauf.“

3. Es gibt einen Landpopulismus:
Ein Aspekt beschäftigte die in Witzenhausen forschende Soziologin besonders. Mehr als die Hälfte der Befragten (57Prozent) ist der Ansicht, dass viele politische Entscheidungen am Leben aufdem Land völlig vorbeigehen. Diese Meinung ist gleichermaßen auf demLand und in der Stadt verbreitet. Neu spricht von „Landpopulismus“. Das angebliche Desinteresse der Politik am ländlichen Raum, wo vielerorts keine Busse fahren und man mit dem Handy keinen Empfang hat, gehe mit allen Aspekten der Demokratiedistanz einher.

4. Die Bahn muss pünktlich fahren:
Bei der Diskussion wollte Moderatorin Johanna Kindler wissen, ob es der Demokratie womöglich schon besser gehen könnte, wenn die Bahn pünktlich käme. Neu sieht da durchaus einen Zusammenhang. Ute Orgir, Pressesprecherin der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH, ist überzeugt, dass eine funktionierende Daseinsvorsorge ein wichtiger Punkt für die Demokratiezufriedenheit ist. Darum lautet ein Motto des städtischen Unternehmens: „Wir halten Kassel am Laufen.“

5. Die Demokratie braucht positive Geschichten:
Weil die Algorithmen dafür sorgen, dass sich bei Social Media vor allem die negativen Nachrichtenverbreiten, betont Neu den Wert positiver Geschichten. Eine solche ist der Verein „Wesertal ist bunt“ in Gieselwerder. Dort engagiert sich Silke Jordan. Während der Rechtsextremist Meinolf Schönborn im 1200-Einwohner-Ort einen Treffpunkt für Gleichgesinnte schuf, stärkt Jordans Verein die Demokratie – zuletzt etwa mit einer bunten Wintersonnenwendefeier (statt der braunen der Rechtsextremisten, wie sie sagte).

Im Anschluss an das Gespräch blieben die Gäste noch zu einem Imbiss welcher vom Studierendenwerk Kassel zur Verfügung gestellt wurde. Dort konnten sich die Gäste zu den Erkenntnissen des Panels austauschen und in Austausch treten.