Demokratie ist nicht verhandelbar
Meinungsbeitrag von Axel Grysczyk, Chefredakteur der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) in Kassel.
Deutschland-Monitor mit erschreckenden Zahlen. Jeder fünfte Deutsche kann sich vorstellen, die Demokratie durch ein autoritäres System zu ersetzen. In den ostdeutschen Bundesländern ist es sogar jeder Vierte. Die aktuellen Zahlen des Deutschland-Monitors sind keine Randnotiz, keine bloße Stimmungsschwankung. Sie sind ein Alarmsignal.
Die Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist kein Naturzustand, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft. Anscheinend bröckelt aber die Gewissheit, dass Freiheit, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz keine lästigen Hürden, sondern das Fundament unserer politischen Ordnung sind. Wer heute mit autoritären Alternativen liebäugelt, tut dies selten aus ideologischer Überzeugung für eine Diktatur. Es ist vielmehr eine Mischung aus Enttäuschung, Ohnmachtsgefühl und Wut.
Die Demokratie erscheint manchen als zu langsam, zu kompliziert, zu kompromissverliebt. Sie verspricht Beteiligung, liefert aber oft Frustration. Sie garantiert Rechte, aber keine Zufriedenheit. In Zeiten der aktuellen Krisen wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischer Spannungen, gesellschaftlicher Polarisierung – wächst die Sehnsucht nach Klarheit, nach Durchgriff, nach vermeintlicher Effizienz. Hier liegt der Irrtum. Autoritäre Systeme sind nicht die „effizientere“ Version von Politik. Sie sind die Abschaffung politischer Freiheit. Sie ersetzen den Streit durch Befehl, die Kontrolle durch Loyalität, die Vielfalt durch Gleichschaltung. Wo Macht nicht mehr auf Zeit verliehen und durch Wahlen überprüft wird, verfestigt sie sich.
Dass die Zustimmung zu autoritären Vorstellungen im Osten höher ist, verweist auf biografische Erfahrungen, die ernst genommen werden müssen. Vier Jahrzehnte DDR haben ein anderes Verhältnis zum Staat geprägt. Die Umbrüche nach 1990 brachten Freiheit – aber auch Brüche, Verluste, Demütigungen. Demokratie lebt nicht von Sonntagsreden. Sie blüht durch erfahrbare Gerechtigkeit, durch funktionierende Institutionen, durch das Gefühl, gehört zu werden. Wenn ein Teil der Bevölkerung bereit ist, auf demokratische Prinzipien zu verzichten, dann liegt das nicht nur an „den Populisten“. Demokratie ist anstrengend – ihre Alternative ist gefährlich.
(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags, erschienen in der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen am 20.02.2026. Die HNA ist einer von mehr als 30 Kooperationspartnern der Initiative Offen für Vielfalt e.V. )